Otalgia nervosa
Von admin am Nov 25, 2010 | In Ohren
Nach einem Vortrage gehalten in der Sitzung des Krakauer ärztlichen Vereines am 15. Februar 1899
Otalgia nervosa oder nervöse Ohrenschmerzen in weiterem Sinne nennen wir solche an irgend einer Stelle des Gehörorganes lokalisierte Schmerzempfindungen, für die entweder überhaupt oder wenigstens im Gehörorgane keine anatomische Veränderung als Ursache nachgewiesen werden kann. Diese Schmerzen entstehen entweder primär an irgend einer Stelle des Sinnesorganes - genuine oder idiopathische Otalgie - , oder sie werden daselbst sekundär durch irgend einen pathologischen Prozess an einer benachbarten oder einer mehr entfernten Stelle des Körpers auf reflektorischem Wege ausgelöst, reflektorische Otalgie. Die primäre Otalgie tritt entweder selbständig oder als Teilerscheinung einer Trigeminus-, Brachial, Cervicooccipital- oder Kiefergelenksneuralgie auf. Die Ursachen sind entweder lokale, wie Erkältung, heftige Schalleinwirkung, Erkrankung der Nervenstämme in ihrem Verlaufe, Druck auf dieselben, Perineuritis usw. oder allgemeine wie Anämie, Chlorose, Marasmus, Syphilis, Rheumatismus, Neurasthenie, Hysterie. So können hysterische Knotenanschwellungen im Verlaufe eines Nervenastes der Kopf- und Halsgegend otalgische Anfälle veranlassen. Die intermittierende Form der Otalgie kann auf Malariainfektion beruhen (Intermittens larvata). Kaufmann beobachtete epidemisch auftretende Otalgien als eine abortiv verlaufende Form von Influenza (Influenza larvata) während einer Influenza-Epidemie, während Eitelberg Fälle von Otalgien während und als Folge der Influenza mitteilt. Auch kann eine unbedeutende Otalgie als Prodromalsymptom einer mehrere Monate später auftretenden Schwerhörigkeit erscheinen. Oft genug ist die Ursache der Ohrenschmerzen unbekannt. Ein direkter Zusammenhang mit einem atopischen Ekzem (Neurodermitis oder endogenes Ekzem) lässt sich so nicht herstellen, zumal die Neurodermitis Symptome denen bei Otalgia nervosa in ganz überwiegenden Teilen nicht entsprechen.
Durch die Vermittlung der Verzweigungen verschiedener Nerven, des Trigeminus, Sympathikus, Glossopharyngeus, Vagus und des Cervicalplexus wird das Gehörorgan in Beziehung gesetzt zu verschiedenen benachbarten und entfernteren Organen, von denen die Ohrenschmerzen reflektorisch ausgelöst werden können. Als häufigste Ursache werden Erkrankungen an den Zähnen gefunden (Otalgia e Carie dentis). Weitere Ursachen sind verschiedene Formen von Angina, Erkrankungen der Nase, besonders Schwellungszustände derselben, Empyema antri Highmori, Carcinom des Oberkiefers und der Retropharyngealgebilde, Ulcerationen an der Epiglottis und in der Nähe der Tubenostien. Nach Abtragung der Tonsillen und der adenoiden Vegetationen kommt es bisweilen zu mehrere Stunden anhaltenden Schmerzen in den Ohren. Auch als frühes Symptom von Zungenkrebs wurden solche Schmerzen beobachtet. Ferner kann Otalgie verursacht werden durch Erkrankungen im Ganglion Gasseri, durch Hirntumoren, Caries der Schädelknochen, Erkrankung der Halswirbelsäule. Von entfernteren Körperstellen aus können sexuelle Anomalien, Menstruationsstörungen, Erkrankungen der Gebärmutter nervöse Schmerzen im Ohre auslösen; ferner können im Beginne der Phthisis pulmonum sehr intensive Ohrschmerzen schon zu einer Zeit auftreten, wo die Affektion der Lunge noch nicht deutlich ausgesprochen ist. Neben diesen disponierenden ätiologischen Momenten sind es nicht selten gewisse äussere Anlässe, welche als Gelegenheitsursache, Causa efficiens, die Schmerzanfälle unmittelbar provozieren können, wie kühle Luft, Trauma usw. Meistens jedoch fehlen solche zufällige Momente.
Die Diagnose der nervösen Otalgie beruht auf dem negativen Befund im Gehörorgane und wird per exclusionem gestellt resp. gestützt auf den positiven Befund an anderen Körperstellen, von denen aus der Ohrschmerz, wie erwähnt, reflektorisch ausgelöst werden kann. Klagt also ein Patient
über Schmerzen im Ohre und ergibt die Untersuchung keine objektive Veränderung im Ohre oder wenigstens keine derartige, die als Ursache der Schmerzen gelten könnte, dann ist es die nächste Aufgabe des Arztes vor der Ohrenoperation, die Zähne zu untersuchen. Weiterhin muss nach etwaigen Affektionen des Nasenrachenraumes, des Kehlkopfes, der Genitalien, des Blutes, gewisser Nerven durch Aufsuchung der points douloureux an den Nervenstämmen geforscht werden. Bestehen gleichzeitig Zuckungen der Gesichtsmuskeln und sensible Störungen im Bereiche des Facialis, dann ist eine Entzündung im fallopischen Kanal als Ursache der Ohrenschmerzen anzunehmen. Man muss sich aber vor Augen halten, dass trotz Anwesenheit von Zahncaries und sonstiger Affektionen die Ohrenschmerzen dennoch unabhängig von denselben und selbstständig auftreten können. Ist der Schmerz in den tieferen Partien des Gehörganges lokalisiert, dann lässt sich eine Neuralgie des äusseren Ohres von einer solchen des Mittelohres schwer differenzieren. Treten nervöse Schmerzen im Ohre bei zufällig gleichzeitig bestehenden pathologischen Zuständen und Vorgängen daselbst auf, dann unterliegt die Diagnose der nervösen Natur der Schmerzen allerdings Schwierigkeiten. In manchen solchen Fällen wird der Einfluss der Behandlung der Ohrenkrankheit auf den Schmerz nach dem Grundsatze ex juvantibus für die Diagnose ausschlaggebend sein, in anderen Fällen wird dieselbe in suspenso bleiben müssen.
Die nervösen Ohrenschmerzen sind entweder kontinuierlich oder sie treten anfallsweise auf und können dann in verschiedenen unregelmässigen oder regelmässigen und typischen Intervallen erscheinen. Sie können verschiedene Intensität annehmen, sich auf benachbarte Körperstellen ausbreiten und sich auf gewisse äussere Einwirkungen steigern (z. B. Schall, Druck, niedere Temperatur). Nicht selten werden die Schmerzen von anderen nervösen vasomotorischen, sensiblen, sensorischen und trophischen Störungen im Gehörorgane begleitet wie subjektive Gehörsempfindungen, Tinnitus, Schwerhörigkeit, Hyperaestesia acustica, Hyperaemie an verschiedenen Stellen des Gehörorganes, welche Erscheinungen gewöhnlich gleichzeitig mit den Schmerzanfällen wieder zurücktreten.
Die Prognose der idiopathischen Otalgie ist im allgemeinen günstig, im Besonderen hängt sie ebenso wie die reflektorische Otalgie von der zugrundeliegenden Ursache ab. Lassen sich letztere schwer beseitigen, wie Cerebralerkrankungen, Tuberkulose, Carcinom im Pharynx oder Larynx, inveterierte Syphilis usw., dann ist die Prognose ungünstig. Cariöse Zähne u. dergl. als Ursache gestatten zwar eine günstige Vorhersage, doch ist auch hier eine gewisse Reserve geboten, da die Schmerzen sich doch von einer vermeintlichen Ursache unabhängig erweisen können und der Causalnexus mit irgend einer der erwähnten pathologischen Affektionen nicht immer mit Sicherheit behauptet werden kann.
Die Ohrenschmerzen können an verschiedenen Stellen des Gehörorganes lokalisiert sein. Ohrmuschel. Neuralgien an der Ohrmuschel sind nur selten beobachtet worden. Hierher gehört ein von Allier beobachteter Fall betreffend eine auf den Lobulus beschränkte Neuralgie. Die Neuralgien an der Auricula stehen entweder in Verbindung mit einer Herpeseruption daselbst oder sie rühren von einer Affektion der betreffenden Nervenäste des Trigeminus oder des Plexus cervicalis besonders bei nervösen Individuen her und sind manchmal von Injektion und Schwellung der betreffenden Stellen begleitet. Bei leichter Berührung steigert sich der Schmerz. Stärkere Kompression bewirkt manchmal eine Linderung der Anfälle.
Neuralgien des Meatus extemus erscheinen meistens in Gesellschaft mit Neuralgien des Trigeminus und anderer sensibler Nerven bei Cephalalgie und Migräne. Bei manchen besonders nervösen Personen können durch Einwirkung kühler Luft oder Flüssigkeit auf den äusseren Gehörgang heftige neuralgische Anfalle daselbst ausgelöst werden, die vom N. auriculo-temporalis ausgehen und einen sehr hohen Grad erreichen können.
Neuralgie der Paukenhöhle , auch Neuralgie des Plexus tympanicus genannt, stellt die Otalgia nervosa in engerem Sinne dar und bildet die häufigste Form der nervösen Ohrenschmerzen. An der Bildung des Plexus tympanicus am Promontorium beteiligen sich die N. N. Trigeminus, Glossopharyngeus, Sympathicus neben dem Facialis. In diesem Nervenreichthum der Paukenhöhle ist die reichliche Gelegenheit zur reflektorischen Schmerzauslösung daselbst gegeben. Von Caries dentis herrührende Schmerzen können vom Ohr auf Schulter und Finger der betreffenden Seite irradiieren, wie Urbantschitsch beobachtet hat. In einem Falle von Thomas Bell wurden durch einen abgebrochenen zweiten unteren Molarzahn Schmerzen in Ohr, Hals, Schulter und Arm ausgelöst, welche nach Entfernung der Wurzel und mit Hilfe von Zahnprothesen verschwanden. Ausser den bereits erwähnten Ursachen wurde Paukenhöhlenneuralgie beobachtet als Folge der Einwirkung intensiver akustischer Reize und einer Erkrankung der Paukenhöhle der anderen Seite. In einem Falle waren die Anfalle von einer Neuralgie der Fussohle derselben Seite begleitet
Neuralgien des Processus mastoideus ohne nachweisbare pathologische Affektion desselben sind eine ziemlich seltene Erscheinung. In einem Falle von Urbantschitsch trat eine solche Neuralgie nach der Einwirkung einer ausserordentlich starken Kälte auf und wich nach einer mehrmonatlichen Dauer auf einmalige Anwendung des Induktionsstromes. In Begleitung von chronischen Mittelohraffektionen kann es infolge von Sclerose und Eburneation des Knochens und der dadurch bewirkten Einklemmung der in den Warzenzellen gewucherten Schleimhaut zu heftigen intermittierenden neuralgischen Schmerzen im Warzenbeine kommen, die dann allerdings nicht mehr rein nervöser Natur sind.
Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass die nervösen Schmerzen auch an mehreren Stellen des Gehörorganes gleichzeitig auftreten können.
Die Therapie der Otalgie hat vor allem der Indicatio causalis Rechnung zu tragen. Man wird also trachten in erster Reihe eventuell einen cariösen Zahn zu extrahieren, hypertrophische Nasenmuscheln, Rachen -Gaumen man dein abzutragen, Anginen einer entsprechenden lokalen Behandlung zuzuführen, Anämie und dergleichen allgemeine Schwächezustände durch Arsen -Ferrumpräparate, roborierende Diät, Kräftigung des Organismus, zweckmässige Lebensweise, Klimawechsel usw. zu bekämpfen, bei Verdacht auf Syphilis Jodpräparate darzureichen, bei allgemeiner Nervosität Brompräparate, Elektricität, Kaltwasserkur, klimatische Kurorte, eventuell Hypnose anzuwenden. Bei typischem intermittierendem Verlaufe leistet Chinin vorzügliche Dienste allein und auch in Verbindung mit Jodkali.
Wenn die Ursache sich nicht beseitigen lässt oder wo keine solche aufzufinden ist, dann tritt die symptomatische und lokale Behandlung in ihre Rechte. Es empfiehlt sich die Anwendung der Antinervina Antipyrin, Phenacetin, salicylsaures Natron, ferner des konstanten Stromes (Kupferpol am Ohre, Zinkpol am Nacken) oder des faradischen Stromes. Innerlich empfiehlt Gruber auch gegen die rein nervösen Formen Jodkali, manchmal erweist sich wirksam Ol. Terebinth. (15 - 20 Tropfen in Kapseln oder 1,5 -1 Kaffeelöffel voll. WeberLieL). Theobald empfiehlt Atropin, einigemal täglich 5 Tropfen einer 1-proz. Lösung zu nehmen. In manchen Fällen erweist sich als hilfreiches Mittel tci Belladonae, 8 - 10 Tropfen pro die. Urbantschitsch sah gute Wirkung gegen intermittierende Otalgien von Inhalation von Amylnitrit. Andere empfehlen Zinkoxyd in Form der Meglini 'sehen Pillen (Oxyd, zinc, rad. Valeriana, aa. 10,0, Extr. hyoscyam. nigr. 1,0; m. f. pillul. N. centum, steigend von 1 - 30 Pillen täglich und zurück).
Nach einem Vortrage gehalten in der Sitzung des Krakauer ärztlichen Vereines am 15. Februar 1899
Lokal kommen zur Anwendung bei Neuralgien besonders des äusseren Ohres und des Warzenfortsatzes reiz- und schmerzlindernde Mittel, narkotische Salben, Veratrin, Vesikantien und Massage. Sehr gute Dienste leisten letztere bei den oben erwähnten hysterischen Knotenanschwellungen eines Nervenastes. Nützlich ist ferner Einpinselung des Processus mast. mit tct. jodin., tct. gallar. aa. pp. aequal. und die Anwendung von Wärme; Watte in öl getaucht und neben der Flamme erwärmt und ins Ohr gesteckt kann Linderung der Schmerzen verschaffen. Als gutes lokales Antineuralgicum sollte auch folgendes Mittel versucht werden: Menthol, Guajakol aa. 1,0, Spirit. vin. 18,0.
Bei der tympanischen Otalgie hat sich die Massage des Hammers mit der Lucaeschen Drucksonde sehr gut bewährt (Max, Urbantschitsch). Hartmann gelang es in einem Falle, in welchem eine sehr heftige Otalgie ohne irgend eine entzündliche Erscheinung längere Zeit bestanden hatte, dieselbe durch mehrmaliges Katheterisieren zu beseitigen. Die einfache Luftdusche kann mit Cocain -Injektion kombiniert werden. Kramer beobachtete das Verschwinden einer heftigen Neuralgia tympanica durch intensive Schalleinwirkung. In hartnäckigen Fällen von Warzenfortsatzneuralgie und besonders bei Sclerose des Processus mast. ist die Trepanation desselben indiziert und oft von vorzüglicher, überraschender Wirkung.
Manchmal sind diese Neuralgien sehr hartnäckig, trotzen jeder Behandlung und erfordern viel Geduld und Ausdauer von Seiten des Patienten und des Arztes, bis es gelingt das richtige Mittel herauszufinden, womit Besserung oder Heilung erzielt werden kann. Sind in solchen Fällen die Schmerzen sehr intensiv, so wird man wohl mitunter gezwungen sein als ultimum remedium durch Anwendung von Morphium intern oder subcutan wenigstens eine momentane Linderung dem Patienten zu verschaffen.
| « Augen lasern lassen - Kurz- Weit- und Stabsichtigkeit behandeln | Der Vorhof der Nase als Krankheitsort » |