Der Vorhof der Nase als Krankheitsort
Von admin am Nov 22, 2010 | In Nase
Dr. Maximilian Bresgen in Wiesbaden - Januar 1900.
Unter dem Vorhofe der Nase versteht man den nur von beweglichen Gebilden, der sogenannten weichen Nase, umgebenen Anfangsteil des Nasenraumes. Nach Zuckerkandl) besteht seine Oberflächenbekleidung in seinem unteren Teile aus äusserer Haut, im oberen dagegen aus Schleimhaut: An den Rändern der Nasenlöcher schlägt sich die Gesichtshaut nach innen um und behält eine Strecke weit noch alle Merkmale der Haut bei; es finden sich Härchen, ferner Talgdrüsen, und das sie umspinnende Gefässnetz zeigt die für die Haut entscheidende Form; diese Haut geht nun nach innen hin nicht unmittelbar in die mustergültige Nasenschleimhaut über; es schaltet sich vielmehr zwischen ihnen als Übergangsform ein dünnes Stück ein, an dem man wieder zwei Abschnitte zu unterscheiden hat, einen unteren, der Haut angeschlossenen, und einen oberen, der in die mustergültige Nasenschleimhaut übergeht; der untere, der Haut angeschlossene Abschnitt erinnert lebhaft an die Auskleidung des knöchernen Gehörganges; dieser Teil der Vorhofsauskleidung, von Zuckerkandl noch zur Haut gerechnet, setzt sich aus einem dichten Bindegewebsfilze zusammen, der sich oberflächlich zu zahlreichen Papillen erhebt, während Drüsen und Härchen vollkommen fehlen; dieser Hautfilz trägt geschichtete Pflasterzellen , deren oberflächliche Schicht verhornt sein kann; auch in dem oberen Abschnitte des Übergangsteiles finden sich diese Pflasterzellen, doch ohne Verhornung. Ist somit der Begriff des Vorhofes der Nase anatomisch genau bestimmt, so muss doch in Bezug auf Untersuchung und Behandlung desselben ausdrücklich hervorgehoben werden, dass an ihm der nachh vorne in die Nasenspitze verlaufende Blindsack eine besondere Beachtung verdient. Dieser Blindsack ist je nach der Gestalt und Grösse der weichen Nase sehr verschieden gross und tief und demnach auch verschieden schwer für Auge und Werkzeuge zugängig; Form und Stellung der Nasenlöcher haben auch einen mitbestimmenden Einfluss, wie auch gewisse Richtungs- und Gestaltsveränderungen der Nasenscheidewand (und der Nasenbeine) in gleicher Richtung wirken. Bei Erwachsenen bietet starker Haarwuchs im Vorhofe der Nase sowohl der Behandlung wie ganz besonders auch der Untersuchung manchmal nicht geringe Schwierigkeiten.
Die ersten Versuche, mittels besonderer Spiegel den Vorhof der Nase dem Auge leichter zugängig zu machen - die früheren Versuche von Czermak, Wertheim und Voltolini galten nicht dem Vorhof der Nase - stammen von R. Wagner und L. Réthi während letzterer zuerst kleine Kehlkopfspiegel unter die vorderen Nasenöffnugen setzte, brachte Wagner entsprechend kleine Spiegel in die Nase selbst und Réthi empfahl schliesslich einen in einem Gelenke beweglichen kleinen Spiegel in die Nase einzuführen; Bergeat brachte dann wieder einen Spiegel unter dem Nasenloche an. Ich selbst bediene mich, so lange es irgend angängig ist, der unmittelbaren Besichtigung, weil es dabei am ehesten möglich ist, die störenden Haare mit einer Sonde beiseite zu schieben und gleichzeitig mit dieser die Oberfläche abzutasten. Auch nehme ich zur Besichtigung des Vorhofes der Nase mit bestem Erfolge meinen Nasenerweiterer, den ich in der vorgeschriebenen senkrechten Richtung, das Blatt mit der Schraube nach oben, in das Nasenloch einführe, nur schwach aufschraube und nun drehend im Naseneingange herumführe. In den Fällen, in welchen eine unmittelbare Besichtigung des Blindsackes der Nasenspitze nicht möglich ist, führe ich einen kleinen Luftröhrenspiegel durch meinen Nasenerweiterer ein.
Die Erkrankungen des Vorhofes der Nase kann man im allgemeinen nicht als selbständige bezeichnen; sie ereignen sich gewöhnlich im Anschlüsse oder Verlaufe einer frischen oder Dauer -Entzündung des Naseninnern. Der frische Schnupfen bringt schon in den ersten Tagen infolge der scharfen und ätzenden Absonderung eine entzündliche Reizung des Naseneinganges; sie tritt besonders am Rande des Nasenloches und an der Nasenscheidewand im Bereiche des Vorhofes auf; die Bedeckung des letzteren wird rissig, und auf diesen Stellen setzen sich Krusten, die besonders in der Nacht das Nasenloch vollständig verstopfen können, fest. An der Stelle, wo der häutige Teil der Nasenscheidewand in den knorpeligen übergeht, entstehen besonders leicht tiefe Risse, wenn die durch die Entzündung an sich schon starre Hautbedeckung beim Abwischen der Nase über den vorderen Rand des Scheidewandknorpels gespannt wird. Diese Risse setzen sich manchmal bis in das sogenannte innere Nasenloch fort und führen dann leicht zu wiederholten Blutungen. Diese Erkrankung des Vorhofes und der Nasenlöcher während des frischen Schnupfens ist immer eine ziemlich schmerzhafte, nicht sowohl weil jede Berührung und Bewegung der weichen Nase die rissigen Stellen trifft, sondern weil besonders bei ungeeigneter Behandlung stets sich erneuernde Krustenbildung immer neue Reize setzt.
Dieser im Gefolge eines frischen Schnupfens im Naseneingange auftretende Krankheitszustand wird bei Vernachlässigung besonders bei Kindern leicht zu einem bleibenden und breitet sich dann ganz ausserordentlich aus; diesem Umstände liegt fast ausschliesslich auch eine Dauerentzündung der Nasenschleimhaut zu Grunde. Zunächst schwillt die Haut der weichen Nase, später der ganzen Nase bis auf die Stirn hinauf, ferner der Oberlippe und Wangen an; die betroffenen Teile sehen gedunsen, teilweise glänzend aus. In den Nasenlöchern, an der Oberlippe und auf den Wangen sitzen Krusten; das Gesicht hat jenen bekannten „skrophulösen" Ausdruck. Die ursprünglich nur im Naseneingange vorhandene Krustenbildung findet durch Loskratzen mit den Fingern ihre Weiterverbreitung auf die nähere und entferntere Nachbarschaft, ja selbst auf die äusseren Teile des Ohres; die beschmutzten kratzenden Finger tragen die entzündliche Ausscheidung auch an andere Hautstellen, die durch Kratzen der schützenden Decke stellenweise beraubt sind. In diese durch fortgesetztes Kratzen sich kreisförmig vergrössernden Wunden werden nun ebenso andere Stoffe, wie Krankheitspilze mancherlei Art, insbesondere Eiterpilze und Tuberkelpilze, die am meisten verbreiteten, übertragen, durch die Lymphgefässe auch bis zu den nächsten Drüsen verschleppt. In allen solchen Fällen sieht man auch alle benachbarten Lymphdrüsen mehr oder weniger stark angeschwollen. Die Schwellungen der Haut, besonders der Nase und ihrer unmittelbaren Umgebung, sind oft so beträchtlich, dass sie wie Dauerrotlauf aussehen; sind sie erst nur wie flüchtige Ödeme anzusehen, so treten sie allmählich immer häufiger auf, verschwinden langsamer und bleiben schliesslich dauernd. Es handelt sich hier, wie Lassar hervorhebt, lediglich um von dem Naseninnen aus fortgeleitete Entzündungen. Wie oft auch tritt von dem wunden Nasenvorhofe oder von der krustigen Oberlippe oder der gleichartig beschaffenen Haut der Wangen und Ohren ein Rotlauf seinen Rundgang an. Und wie oft schliesst sich an diese ekzemartige Erkrankung der Ohren eine gleiche der behaarten Kopfhaut an. Überall, wohin die Kinder mit ihren kratzenden Fingern aus der ursprünglich erkrankten Nase oder von den später mitbeteiligten Hautstellen die eitrigen serösen Massen hinbringen, entwickelt sich, da die schützende Oberhaut allein schon durch Reiben verletzt wird, ein neuer Krankheitsherd. Wie von solchen wunden Stellen der Haut der Rotlauf seinen Ausgang nimmt, so gelangt auch der Tuberkelpilz in den Körper, in welchem er entweder an Ort und Stelle liegen bleibt oder auf dem Lymphwege in die nächsten Drüsen abgelagert wird. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie gerade der Tuberkelpilz am vorderen Ende der Nasenscheidewand und an anderen Stellen der Haut des Kopfes, wo wunde bekrustete Stellen sich finden, eindringt und dann später scheinbar „aus heiler Haut" dort den Lupus entstehen lässt. Ein von mir beobachteter Fall, den ich von früher her schon kannte und gleich zu Beginn der neuen Erkrankung wieder in Behandlung bekam, liess die Entstehung des Lupus an der Nasenscheidewand an der Übergangsstelle vorne in die Schleimhaut genau erkennen und schliesslich auch seine Weiterverbreitung auf die äussere Haut der Nase und der Wange beobachten. Auch habe ich, wie ich vorhin schon andeutete, beginnenden Lupus der Gesichtshaut gesehen, ohne dass man irgend eine Verbindung mit der Schleimhaut der Nase oder Wange hätte feststellen können; wohl aber wurde berichtet, dass in früher Jugend ein nässender Ausschlag, der von der Nase ausgegangen sei, allenthalben . im Gesichte sich verbreitet habe; in der Nase bestand in diesen Fällen auch jedesmal noch Verschwellung der Schleimhaut, weshalb überhaupt meine Hilfe aufgesucht wurde. Bei Erwachsenen erkrankt der Vorhof der Nase infolge von Dauerentzündung der Nasenschleimhaut meist in etwas anderer, als eben für Kinder beschriebener Weise. Gewöhnlich findet man im Vorhofe dessen Bekleidung hauptsächlich im Bereiche des oberen Winkels des Nasenloches entzündet; hier ist die Haut verdickt und gerötet, hat meist auch einen Einriss, auf dem sich leicht ein kleines Krustchen bildet. Sieht man näher zu, so erstreckt sich diese Entzündung meist in den Blindsack der Nasenspitze hinein; dieser ist dann gewöhnlich auch tiefer, als er meist beobachtet wird. Aber auch an anderen Stellen des Vorhofes, besonders im unteren Winkel des Nasenloches und übergehend bis über das innere Nasenloch findet man nicht selten die gleiche Entzündung; auch die Furche, die sich zwischen häutiger und knorpeliger Scheidewand befindet, ist oft in gleicher Weise, wie wir beim frischen Schnupfen beschrieben, erkrankt. Dementsprechend beobachtet man öfters auch Nasenbluten. Diese Fälle sind es auch, die leicht zur Durchbohrung der Nasenscheidewand führen, indem die sich dort bildenden Krusten mit dem Fingernagel immer abgekratzt werden, wodurch ein immer tiefer werdendes und schliesslich die Scheidewand durchbrechendes Geschwür entsteht. Überaus häufig ist bei Erwachsenen im Vorhof der Nase Furunkelbildung; bei Kindern habe ich sie nur selten beobachtet. Ihr Auftreten habe ich früher schon auf die einfachste Weise zu erklären versucht. Nachdem Garré nachgewiesen hat, dass durch Einreiben von Eiterpilzen in die unverletzte behaarte Haut dort Furunkel entstehen, so lag nichts näher, als ihr Vorkommen im Naseneingange auf ähnliche Weise zu erklären. In der Nase, besonders in den Haaren des Vorhofes lagern sich bei der Atmung stets Eiterpilze ab; ist die Nasenschleimhaut nun entzündet, so sehen wir sie auch eine schleimig -eitrige Masse absondern, die teilweise von selbst teilweise durch Schneuzen in den Vorhof gelangt. Werden nun die Finger zum Reinigen des letzteren benutzt oder wird er nach dem Schneuzen mit Finger und Taschentuch, besonders in seinem Blindsacke, kräftig ausgewischt, so kann es nach den Garréschen Untersuchungen nicht zweifelhaft sein, dass auf rein mechanische Weise die Eiterpilze der Nasenabsonderung oder die in den Haaren abgelagerten Keime der Atmungsluft in die Haarbälge des Naseneinganges eingerieben werden und dort zu weiterer Entwicklung, die einen Furunkel im Gefolge hat, gelangen. Diese Furunkel werden sehr verschieden gross; ich habe sie von kaum Stecknadelgrösse bis zu gewaltiger Anschwellung der weichen Nase gesehen; ein besonderer Lieblingsort ist der innere Rand des Nasenloches am Nasenflügel bis in den Blindsack der Nasenspitze. Besonders häufig sind sie in allen Berufsarten, die viel im Staub zu arbeiten haben, wie bei Packern, Geldzählern usw. Solche Leute leiden auch stets an einer Dauerentzündung der Nasenschleimhaut; dringt nun der Staub in die Nase, so bildet er mit der Nasenabsonderung sehr bald einen Juckreiz, auch eine Behinderung der Atmung; die Folge ist gewöhnlich eine Bearbeitung des Nasenloches mit den an sich auch noch schmutzigen Fingern.
Bezüglich der Behandlung der erörterten Entzündungen des Vorhofes der Nase, soweit sie nicht besonderer Art sind, habe ich schon früher als erste Forderung die der peinlichsten Sauberkeit bei zarter Anwendung aller Massnahmen aufgestellt.
Unsaubere Finger und Werkzeuge müssen durchaus ferngehalten werden. Nasenentzündungen sind entsprechend - doch nicht mit Ausspülungen - zu behandeln. Scharfes Auswischen des Vorhofes der Nase nach dem Schneuzen ist zu vermeiden, wie überhaupt starkes Abwischen der Nase mit stärkerem Hin- und Herbewegen der Nasenspitze unterlassen werden muss. Krusten dürfen nur in erweichtem Zustande entfernt werden. Hierzu dient Paraffinum liquidum, keine wässerige Flüssigkeit. Zur regelmässigen Einfettung (1,5 - 1 - 2 stündlich) benutzt man am besten meine Nasensalbe (Lanolin, anhydric. 25,0, Paraffin, liqu 5,0), entweder indem man sie aufziehen lässt, oder indem man einen passenden Wattebausch damit bestreicht und diesen im Nasenvorhofe mehrfach hin und her wendet. Furunkel eröffnet man mit der Lanzette und ätzt den Grund mit reiner Karbolsäure, die man durch einige Wattefasern an eine spitze Sonde gebracht hat. Sass der Furunkel mehr in einem tiefen Blindsacke, so empfiehlt sich, manchmal einen kleinen Wattebausch, den man mit roter Quecksilbersalbe (Hydrarg. oxydat. via humida parat. 1,0 Lanolin, anhydric. 7,0, Paraffin liqu. 2,0) bestrichen hat, einzulegen, beispielsweise über Nacht, während man sonst die gewöhnliche Nasensalbe gebrauchen lässt
Andersartige Erkrankungen des Vorhofes der Nase erfordern ausserdem noch die der betreffenden Krankheit eigentümliche Behandlung, die dann mehr Sache des entsprechenden Facharztes ist. Mir kam es heute nur darauf an, einige Krankheiten, deren Behandlung leicht von jedem Arzte erlernt werden kann, zu erörtern und dabei zu betonen, wie vor allen Dingen die Menschen gelehrt werden können, sie überhaupt zu verhüten.
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